Grenzerfahrung Tegelberg

Wahnsinn wie schnell manchmal die Zeit vergeht bevor man zum Schreiben eines Eintrags geht. Ende September habe ich noch einmal meine Sachen gepackt und habe mein letztes verbleibendes Bahnticket genutzt um mal ein wenig weg von all der Zivilisation zu kommen und in die Berge zu fahren, genauer gesagt nach Füssen.

Nach ein paar Tagen entspannt Beine am See baumeln lassen beschloss ich dann mir das Schloss Neuschwanstein genauer anzuschauen. Von Füssen aus ist das Schloss in grob 1.5h zu Fuß zu erreichen, daher entschied ich mich dafür auf einen Bus zu verzichten. Nach einer relativ entspannten und teils auch beeindruckenden Führung durch das Schloss, ging es dann weiter zur Marienbrücke. Kurze Erwähnung soll das Mathe-Talent meiner Führerin finden: 15 von 80 als ein Drittel zu bezeichnen ist doch sehr gewagt 😉

Kurz vor der Marienbrücke stand ein Schild, welches einen Wanderweg zum Tegelberg offerierte – zeitlich in knapp 3 Stunden zu erreichen. Nachdem ich gegen halb 4 an der Marienbrücke war und eigentlich noch genug Kraft in den Beinen hatte, entschied ich mich den Weg anzutreten und später dann mit der Tegelbergbahn wieder ins Tal zu fahren. Auf meinem Weg nach oben begegnete ich hin und wieder Menschen die mir entgegen kamen, nahezu alle davon gut ausgerüstet mit Stöcken und einem nicht gerade kleinen Wanderrucksack – das hätte mir eigentlich zu Denken geben sollen, hat es aber nicht. Und so bin ich mit einem winzigen Rucksack, zwei 0.5er Wasserflaschen, einer handvoll Schokoriegel und meiner normalen Alltagskleidung Richtung Tegelberg marschiert. Gewohnt flott kämpfte ich mich Stück für Stück nach oben und machte nur selten mal eine kleine Pause um die Aussicht genießen zu können. Als die Spitze des Tegelbergs langsam in Sichtweite kam, machten sich auch meine Beine bemerkbar – „Keine Lust mehr“ war von ihnen zu vernehmen.

Oben angekommen dann der Schock: Die letzte Tegelbahn war schon abgefahren.

Stille. Ernüchterung. Noch mehr Stille.

Verdutzt stand ich vor geschlossen Türen.

Nach einer Weile bemerkte ich das mein T-Shirt, welches ich trotz der sehr frischen Temperaturen, trug vollkommen durchnässt war. Müdigkeit, leichter Hunger (eigentlich wollte ich oben auch noch was essen) und mein eigener Gestank machten sich bemerkbar.

Nach ein paar Minuten bemerkte ich noch ein paar Gleitflieger, aber außer einem kurzen Gespräch konnten sie mir auch nicht helfen. Es blieb mir schlicht nichts anderes übrig als den selben Weg wieder nach unten zu nehmen, allein von dem Gedanken wurde mir schon schwindelig im Kopf.

Was hilft in einer solchen Situation?

Nicht viel, aber Musik und ein unermüdlicher Wille der sich über die körperliche Beschwerden hinwegsetzen kann, zählen definitiv dazu. Mit einem flotten Beat, ballte ich meine Händen zu Fäusten und trat den Rückweg an. Einige Male wäre ich wegen meines zügigen Tempos und dem unebenen Untergrund gestürzt, in den meisten Fällen konnte ich mich aber rechtzeitig abfangen, so dass meine Hände nur selten den Boden begrüßten. Nach Gefühlten Ewigkeiten stieß ich dann auch wieder auf Menschen, mit denen ich mich aber nicht lange aufhielt. Ich wusste, dass wenn ich einmal anhalte, mein Körper vermutlich zusammenklappen würde und so stieg ich Meter um Meter herab, immerzu mit geballten Fäusten und Musik in den Ohren. Irgendwann, ich kann mich nicht mehr erinnern wann es war, erreichte ich die Marienbrücke und kurz darauf das Schloss und auch das Tal. Dort fiel ich einfach nur auf einen Sitz an der Bushaltestelle und genoss es geradezu eine lange Wartezeit zu haben, zu platt war ich von allem. Nach einer Weile bemerkte ich eine offene Wunde in meiner rechten Handinnenfläche. Während meinem Abstieg musste ich wohl die Hände so fest geballt haben, dass sich meine Fingernägel unbemerkt in die Haut gebohrt haben und es zu bluten begann. Aber davon spürte ich selbst als ich an der Bushaltestelle saß rein gar nichts.

Dieser Tag, dieser Marsch und dieser Wille haben mir viel über mich selbst gezeigt. Ich war schon immer ein Mensch der davon überzeugt war, dass der Geist den Körper dominieren kann und ihn über seine Grenzen hinaus treiben kann, dieser Tag war mehr als genug eine Bestätigung dafür. Wo ein Wille ist, ist ein Weg – wenn auch kein leichter.

Den letzten Tag meines Aufenthalts bewegte ich mich fast gar nicht mehr, genau wie ich die Tage nach meiner Heimreise auch jeden unnötigen Meter vermied, zu groß war der Muskelkater in allen möglichen Körperteilen.

Ich werde versuchen auch noch das ein oder andere Bild vom Schloss hochzuladen.

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